Ausstellungsarchiv  

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Ausstellungen 2013/14

Studentisches Leben in Leipzig 1409 bis heute – Eine Spurensuche

25. Oktober bis 20. Dezember 2013 und 6. bis 31. Januar 2014

Das Studium galt schon immer als die schönste Zeit im Leben! Doch jenseits der Studentenromantik – wie war es wirklich, das Alltagsleben der Studierenden in den vergangenen Jahrhunderten? Wie waren Lehrbetrieb und Studienablauf organisiert, wie wohnte man in den Kollegien und Bursen? Welchen Freizeitbeschäftigungen ging man nach, wie war das Verhältnis der Studierenden zu Stadt und Staat, zu Gesellschaft und Politik?

Die Ausstellung zeigt, basierend auf einer kleinen Sammlungsgruppe in den Kunstsammlungen, Aspekte studentischen Lebens von der Gründung der Universität im Jahr 1409 bis heute. Historische Dokumente, Kunstobjekte und Hörtexte dokumentieren das Alltagsleben in verschiedenen Epochen. Wie hat sich das studentische Leben im Laufe der Jahrhunderte verändert? Und wie ist das studentische Leben heute? Ergänzend zur historischen Ausstellung zeigt eine Fotoschau Impressionen aus dem studentischen Leben der Gegenwart.

Vom Bean zum Doktor

Die einzigen erhaltenen Objekte ihrer Art und somit von unschätzbarer kulturhistorischer Bedeutung sind die ausgestellten „Depositionsinstrumente“. Die „Deposition“ war ein studentischer Initiationsritus, der vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert europaweit an Universitäten üblich war. Der Studienanwärter wurde als wildes Tier behandelt und in einem symbolischen Reinigungsakt von seiner „Unzivilisiertheit“ befreit. Bevor die Einschreibung in die Matrikel der Universität, dem offiziellen Verzeichnis aller Studierenden in Form eines großformatigen Buches, erfolgen konnte, galt es noch den Eid auf die Verfassung der Universität zu leisten: In der Frühzeit wurde dazu ein Finger auf das „Schwurblatt“ der Matrikel gelegt. Über Matrikel und Schwurblatt hinaus vermitteln historische Dokumente und Objekte Einblicke in den Studienablauf vergangener Jahrhunderte. Die sehr dekorative Disputationsuhr zum Beispiel begrenzte die Redezeit bei Prüfungen und akademischen Streitgesprächen. Karten und Stadtansichten zeigen, in welchen Gebäuden in der Frühzeit Vorlesungen und Seminare stattfanden.

Die ehemalige Buchhändlerbörse beherbergte später das Konvikt

Leben und Sterben

Die Unterbringung der Studierenden war zunächst obligatorisch auf dem Gelände der Universität und erfolgte in den „Bursen“ (Wohn-, Ess-, Schlaf- und Unterrichtsräume für Scholaren). Ab dem 18. Jahrhundert war es dann üblich, sich ein Zimmer in der Stadt zu mieten, wie Goethe es tat, der in der „Großen Feuerkugel“ wohnte. Beispiele von Studentenunterkünften in verschiedenen Jahrhunderten werden vorgestellt, darunter die typische „Studentenbude“. Mit den Verbindungshäusern der Corps kam im 19. Jahrhundert eine gemeinschaftliche Wohnform auf. Im 20. Jahrhundert entstehen dann die ersten Studentenwohnheime in Leipzig. Zu den wichtigsten frühen Sozialleistungen für Studenten gehörten die „Freitische“ für Bedürftige, die im „Konvikt“, dem Vorgänger der Mensa, Mahlzeiten bereitstellten.

Illustrationen und Stammbücher zeigen unterschiedliche Sichtweisen auf das Studium und reflektieren das Lebensgefühl der Studenten. Das Studienprogramm konnte durch Unterricht im Zeichnen, Tanzen, Reiten und Fechten ergänzt werden. Ein üblicher Zeitvertreib waren Besuche von Kaffeehäusern und Ausflüge in das Leipziger Umland, auf die „Bierdörfer“, wo der Gerstensaft günstig und das Leben freizügiger war als innerhalb der Stadtmauern. Blieb man in der Stadt, so flanierte man auf den angrenzenden Alleen, Esplanaden und in den Gärten. Das studentische Liebesleben musste sich zunächst im Verborgenen abspielen: Studenten durften erst nach dem Abschluss heiraten, eine Eheschließung während des Studiums bedeutete Exmatrikulation oder Abbruch des Studiums.

„Federfechter und Marxbrüder“

Student und Gesellschaft

Innerhalb der städtischen Gesellschaft nahmen die Studierenden eine herausgehobene Stellung ein. Sie waren dem niederen Adelsstand gleichgestellt und verfügten über das Privileg, einen Degen zu tragen. Das daraus resultierende Standesbewusstsein förderte einen Ehrbegriff, der sich zeitweise in einem ausgeprägten Duellwesen äußerte. Vergehen wurden vor dem Universitätsgericht verhandelt und Strafen mussten im universitätseigenen Gefängnis, dem Karzer, abgebüßt werden. Über diese Karzeraufenthalte liegen kuriose Berichte und bildliche Darstellungen vor. Das Aussehen der Gefängniszellen ist durch Gemälde, Zeichnungen und Fotografien dokumentiert. Die Ausstellung versucht, den Eindruck des letzten bis in das 19. Jh. bestehenden Karzers anhand von Originalmöbeln und Großfotos nachzubilden. 

Schwere Konsequenzen konnte die Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation haben. Die Burschenschaften setzten sich für bürgerliche Freiheiten (Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit) und die Einheit der deutschen Nation ein. Wartburgfest 1817 und Hambacher Fest 1830 stellen Höhepunkte politischer Aktivitäten der Studentenschaft im 19. Jahrhundert dar. Nachdem Burschenschaftler in der Revolution von 1830 und 1848 als treibende Kraft fungiert hatten, ist ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Leipzig und andernorts eine Tendenz zum Systemkonformismus zu verzeichnen. Der Burschenschaftler galt im Leipziger Stadtbild zwar weiterhin als typischer Student, wurde aber nicht mehr als politische Kraft gesehen.

Kurt Hölzer, Geschwister Scholl, 1953

Studium im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert wurden Studierende zunehmend in Kriege und ideologische Auseinandersetzungen involviert. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Selbsthilfeorganisationen, die verarmte und kriegsgeschädigte Studenten bei der Finanzierung des Studiums unterstützten. In den 1920er Jahren wurde das Studentenwerk gegründet. Oppositionelles Gedankengut und Widerstand gegen die Staatsmacht in Zeiten der Diktatur, wie im Nationalsozialismus, führten vereinzelt zu Haft, Verschleppung und Todesstrafen. Die Geschwister Scholl sind ein prominentes Beispiel der Münchener Universität, aber auch in Leipzig formierten sich studentische Widerstandsgruppen. Die auf die Bedürfnisse des sozialistischen Staates ausgerichtete Universitätsreform 1951/52 änderte grundlegend Zugangsvoraussetzungen und Studienbedingungen. Eine Zielsetzung des Studiums war nun auch die Erziehung zum Sozialismus. Opposition zum DDR-Regime wurde in 50er Jahren und vor allem im Zusammenhang mit der Sprengung der Universitätsgebäude 1968 als staatsfeindlicher Akt gewertet.

Die alten europäischen Universitäten waren grundsätzlich international ausgerichtet und auch an der Universität Leipzig gab es Studierende aus ganz Europa. Berühmte Wissenschaftler, wie Wilhelm Wundt und Wilhelm Ostwald zogen seit dem 19. Jahrhundert zusätzlich Studierende aus dem Ausland an. An der Karl-Marx-Universität bestand seit 1953 das „Institut für Ausländerstudium“, das seit 1961 als Herder-Institut vor allem die sprachliche Ausbildung übernahm. Seit 1991 betreut das akademische Auslandsamt Austauschstudenten, Promovierende und Teilnehmer des Studienkollegs aus ungefähr 130 Ländern.

Frauen spielten in der Universitätsgeschichte lange Zeit keine Rolle. In Leipzig konnten sie seit den 1870er Jahren als Gasthörerinnen Vorlesungen und Seminare belegen, ein reguläres Studium jedoch erst im 20. Jahrhundert aufnehmen: 1906 wurde die erste Studentin offiziell immatrikuliert. Inzwischen sind weit mehr als 50 % der Studierenden an der Leipziger Universität weiblich.

Abbildungen:

1. Depositionsinstrumente der Universität Leipzig, um 1620–1714
2. In der ehemaligen Buchhändlerbörse befand sich 1892 bis 1943 das Konvikt der Universität Leipzig, Ausschnitt aus: Carl Christian Böhme, Deutsche Buchhändlerbörse in Leipzig, um 1840
3. Johann Baptist Bergmüller/Johann August Rossmäßler, Der gewöhnliche Spaziergang zu Leipzig … (Ausschnitt), um 1780
4. Formschneider P., Die wolabgerichtete Federfechter und Marxbrüder (Flugblatt), kolorierter Holzschnitt, um 1685 (Ausschnitt)
5. Unbekannter Künstler, Studentenleben, 1910/11 (Ausschnitt)
6. Kurt Hölzer, Doppelporträt Hans und Sophie Scholl aus der Geschwister-Scholl-Gedenkstätte in der Ritterstraße, Pinselzeichnung 1953
7.  Ilse Engelberger, Ausländerstudium in Leipzig, 1962 (Ausschnitt)

Studentisches Leben – gestern und heute

Fotoausstellung im Foyer des Neuen Augusteums
25. Oktober 2013 bis 31. Januar 2014

Als Ergänzung zur historischen Ausstellung „Studentisches Leben in Leipzig – Eine Spurensuche“ wird vor der Galerie im Foyer des Neuen Augusteums eine Fotoschau präsentiert, die Impressionen aus dem studentischen Leben der Gegenwart zeigt.

Im Juli 2013 wurden zwei Fotowettbewerbe ausgelobt: Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts riefen Kustodie und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Leipzig zum Wettbewerb „StudentenLEBEN – gestern und heute“ auf. Ob Situationen im Seminar, der Vorlesung oder dem Studentenalltag (Mensa, Bibliothek, WGs und Wohnheimen), zu „akademischen Ritualen“ und Partys oder zur Freizeitgestaltung – Studierende, Mitarbeiter und Alumni waren aufgefordert, Fotos zum Thema einzureichen. Die Fotoschau sollte in Bildern einfangen, was das Studentenleben der Gegenwart ausmacht. Die Abstimmung der fünf finalen Motive erfolgte über Facebook. 

Zeitgleich veranstaltete der Stura der Universität Leipzig einen Fotowettbewerb zum Thema „Studentische Kultur erleben“. Einsendeschluss war der 31. Juli 2013, die besten 12 Fotos wurden von einer Jury ausgewählt.

Die Gewinnerfotos aus beiden Wettbewerben werden ab Wintersemester 2013/14 sowie während des Alumni-Treffens vom 27. bis 29. Juni 2014 im Foyer des Neuen Augusteums gezeigt.

Galina Korotkova, Was gibt’s schöneres auf der Welt wenn nicht ein Wohnen unter freiem Himmel (Ausschnitt), 2013

letzte Änderung: 19.07.2017 

Kontakt

Galerie im Neuen Augusteum
Augustusplatz 10
04109 Leipzig

Telefon +49 341 97-30170
Telefax +49 341-97 30179
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Öffnungszeiten

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Öffnungszeiten während der Laufzeit der Ausstellungen

Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr

Eintrittspreise

Freier Eintritt für Studierende und Mitarbeiter der Universität Leipzig

Gäste: 2,50 EUR
Ermäßigt: 1,50 EUR

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